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Psyche in Not – Leben retten ohne OP

Aggressive Patienten, tägliche Polizeieinsätze, Gefahr für die Mitarbeiter – das sind häufige Vorurteile der Psychiatrie. Dass tatsächlich eine große Ruhe im Zentrum für Psychosoziale Medizin herrscht, lange Gespräche und Interesse am Menschen im Mittelpunkt der Arbeit stehen, erfährt Podcast Moderator Robin Krüger in der dritten Folge des Pflege Podcast UKHD von Sebastian Götz, Stationsleitung der Akut- und Aufnahmestation der Psychiatrie.

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Psyche in Not – Leben retten ohne OP

Robin Krüger und Sebastian Götz, Stationsleitung der Akut- und Aufnahmestation der Psychiatrie, unterhalten sich über die Besonderheiten der Arbeit auf einer psychiatrischen Station und über berührende Patientengeschichten. Welche Patienten werden dort behandelt? Wer ist von Depressionen und Schizophrenien betroffen? Und gibt es die „Gummizelle“ eigentlich wirklich? Außerdem sprechen die beiden über ein spannendes Buchprojekt: Mit den Heidelberger Pflegestandards möchte Sebastian Götz Auszubildenden ein kompaktes Nachschlagewerk an die Hand geben. Wie er mit Kickboxen zur Ruhe kommt, ein großes Team-Gefühl ihn durch die tägliche Arbeit trägt und warum die Akademisierung der Pflege ein wichtiger Schritt in die Zukunft ist, sind weitere Aspekte der Episode.

Als Text lesen


Robin Krüger:

„Hallo und herzlich Willkommen zur neuen Folge unseres UKHD Pflege Podcast! Mein Name ist Robin Krüger. Ich bin die Stationsleitung von der Neuro 6, dem Innovationsraum Pflege in der Kopfklinik, und habe heute unseren ersten männlichen Gast. Bei mir ist Sebastian Götz, er ist die Stationsleitung von der Station Mayer-Gross im Zentrum für Psychosoziale Medizin in Heidelberg. Heute sprechen wir über die Versorgung von Patienten in akuten psychischen Notlagen. Hallo Sebastian.“


Sebastian Götz:

„Servus Robin, Grüß dich. Danke, dass ich hier sein darf.“


Robin Krüger:

„Sehr gerne. Wir sprechen nicht nur über die Versorgung der Patienten auf deiner Station, sondern wir sprechen natürlich auch noch über ganz andere spannende Themen, wie zum Beispiel dein Projekt Pflegestandards und auch über die Akademisierung. Lass uns doch mal anfangen mit deiner Arbeit bei dir auf deiner Station. Wie unterscheidet sich die Arbeit zum Beispiel in den pflegerischen Tätigkeiten zu einer chirurgischen Station oder einer medizinischen Station. Kannst du uns beschreiben, wie bei dir die Arbeit aussieht?“


Sebastian Götz:

„Sehr gerne. Ich kann ja kurz die Rahmenbedingungen bei uns auf Station oder bei uns in der Psychiatrie abreißen – das ist vielleicht für die Hören auch ganz interessant. Ich bin die Stationsleitung der Akut- und Aufnahmestation. Das ist eine geschützte Station. Das heißt, sie ist abgeschlossen, man kann nur rein und raus und sich auch innerhalb der Station nur mit einem Schlüssel fortbewegen. Wir haben 15 offizielle Patientenbetten. Es ist eine relativ kleine und überschaubare Station. Zu uns kommen Patienten, die sich in akuten Krisen, akuten Phase ihrer Erkrankung befinden. Dabei sind eigentlich alle Erkrankungen des psychiatrischen Bereiches. Patienten, die wir aktuell nicht aufnehmen, sondern nach Wiesloch verlegen, mit denen wir eine Kooperation haben, sind Suchtpatienten, also bei denen die Sucht im Vordergrund steht und forensische Patienten, sprich Straftäter mit psychiatrischen Erkrankungen. Ansonsten jedes Krankheitsbild, was man so aus dem psychiatrischen Spektrum kennt. Das Gro auf Station, sag ich mal, sind Schizophrenien, Psychosen, aber auch Depressionen. Halt in der akuten Phase, das heißt der Aufnahmegrund bei uns, weshalb man auf diese Station aufgenommen, beziehungsweise auch manchmal gegen seinen Willen dort untergebracht wird, ist eine akute Eigen- oder Fremdgefährdung. Was heißt „Fremdgefährdung“ –  klar, ich bin eine Gefahr für andere Menschen. Das kann durch eine Aggression kommen, das kann durch passiv-aggressives Verhalten wie zum Beispiel zündeln sein. Und natürlich Eigengefährdung: Wenn man mit dem Gedanken spielt, sich das Leben zu nehmen oder sogar schon Suizidversuche gestartet hat oder einfach sich in so einem schlechten kognitiven Zustand befindet, dass man so desorientiert ist, dass man sich selbst in Gefahr bringt.

Das Besondere unserer Station ist, dass wir gleichzeitig auch noch die Notfallambulanz der Klinik betreuen. Das heißt, Patienten aus dem Heidelberger Raum dürfen sich 24/7 bei uns vorstellen, erhalten ein Dienstarzt-Gespräch, was auch immer von einer Pflegekraft unserer Station begleitet wird. Sie können dort ihre Probleme schildern oder sich dorthin begeben, wenn sie psychiatrische Hilfe benötigen. Das ist eine spannende Geschichte bei der Arbeit. Denn dieses Begleiten der ambulanten Kontakte ist jedes Mal etwas komplett Neues. Es kommen alle Arten von Menschen aus jeder sozialen Schicht, jedes Berufsfeldes, jeder Ethnie. Das ist wirklich sehr, sehr spannend. Man erlebt da jedes Mal eine neue Geschichte, auch teilweise natürlich neue Schicksalsschläge. Das andere, was uns abhebt oder von einer somatischen Klinik unterscheidet, ist natürlich die Psychiatrie an sich: Die Leute kommen da nicht mit einem gebrochenen Arm hin, sondern haben irgendein Problem mit ihrer Psyche. Im Vordergrund steht – klar, wie natürlich auch in der Somatik – der Beziehungsaufbau zum Patienten. Das macht aber tatsächlich 80 Prozent der Arbeit aus. Das heißt, ich beschäftige mich permanent mit dem Patienten. In meiner Schicht führe ich eine Menge Gespräche. Ich kriege natürlich auch einen großen Einblick in das soziale Umfeld des Patienten. Was sehr, sehr spannend, aber auch teilweise sehr, sehr erschreckend sein kann. Das ist im Prinzip das, was die Psychiatrie so Besonders macht: diese enge Bindung, diese enge Beziehung zum Patienten. Das ist zum einen eine große Herausforderung, weil man sich natürlich auch darauf einlassen muss, zum anderen gibt es einem unglaublich viel, gerade wenn man einfach so einen Fabel, sag ich mal, dafür hat, sich mit den Menschen auseinanderzusetzen und da auch ein bisschen hinter die Fassade zu schauen. Es ist manchmal gar nicht so einfach, das Vertrauen überhaupt aufzubauen. Viele Patienten sind entweder durch ihre Erkrankung ängstlich oder stehen der Institution Krankenhaus feindlich gegenüber. Es ist ist manchmal gar nicht so einfach sie zu erreichen.“


Robin Krüger:

„Natürlich denkt man auch immer irgendwie bei Psychiatrie und auch sicherlich gerade bei so einer akuten Aufnahmestation, dass dort in einer Tour die aggressiven Patienten von der Polizei eingeliefert werden. Ist das wirklich auch die Realität?“


Sebastian Götz:

„Das ist tatsächlich so ein kleines, sogar ein großes Stigma der Psychiatrie. Gerade der geschlossenen Psychiatrie, wie sie im Volksmund heißt. Als ich als Schüler dort auf Station eingesetzt wurde, hatte ich die gleiche Angst. Ich stand vor der Stationstür, hab da geklingelt und dachte: ach du Schande, wenn ich gleich durch die Tür gehe, werde ich von 30 Leuten attackiert – so gefühlt. Und dann geht die Tür auf und es ist einfach total ruhig und entspannt und nett.

Klar, das kommt vor. Wir haben natürlich auch Patienten, die aggressiv sind, die auch übergriffig sind anderen Patienten oder auch dem Personal oder Gegenständen gegenüber, ganz klar. Das ist tatsächlich aber eher ein sehr geringer Teil, die aggressiv werden oder aggressiv sind. Ich denke, aufgrund der Größe der Station, die relativ gering ist, und der auch ganz guten Besetzung, die wir haben – wir sind in jeder Schicht außer dem Nachtdienst mindestens drei Pflegekräfte auf Station plus eine Teamassistentin plus Stationsärzte und Arbeitstherapeuten: Also immer recht viele Leute, die sich mit den Menschen beschäftigen können.  Wodurch wir da recht viel abfangen können, schon präventiv, wenn wir merken, dass ein Patient irgendwie hochkocht oder ein Problem hat. Dann können wir ihn zur Seite nehmen und das relativ zügig abfangen. Aber natürlich kommt es immer wieder auch mal zu Zwangsmaßnahmen, wie Fixierung oder Isolation oder auch Zwangsmedikation, ja.“


Robin Krüger:

„Diese klassische, berühmte Gummizelle, die gibt es ja auch wirklich. Die heißt aber bei euch ein bisschen anders, oder?“


Sebastian Götz: (lacht)

„Ja, aber da drin ist mittlerweile eigentlich gar kein Gummi mehr. Genau, das ist der sogenannte „Time Out“-Raum. Im Prinzip ist es ein normales Patientenzimmer, was wir allerdings mit einer verstärkten Tür abschließen können. Da ist eine Plexiglasscheibe drin, also ein Sichtfenster. Und eine Nasszelle, die einer, die man aus dem Strafvollzug kennt, gleicht. Metall, also recht unzerstörbar. Und wir können von außerhalb des Zimmers den Strom sowie die Wasserzufuhr steuern, sodass da auch kein Blödsinn gemacht werden kann. Dient aber hauptsächlich für Patienten, die eher diese Reizabschirmung brauchen. Das muss gar nicht unbedingt Aggression sein, sondern eher dieses Überfordert-sein von Station, vielleicht auch von der Lautstärke dort. Es tut vielen Patienten gut, dass sie sich einfach dahin zurückziehen zu können. Auch ohne die Tür abzuschließen teilweise.“


Robin Krüger:

„Hast du denn bei dir auf Station mal was erlebt, dass dich ganz besonders berührt hat, vielleicht im positiven oder auch im negativen Sinne?“


Sebastian Götz:

„Das sind tatsächlich eher positive Sachen. Klar, du hast immer mal diese aggressiven Übergriffe, nach denen du auch grade gefragt hast. Die sind schon belastend. Letztendlich erhalten wir aber bei der Einstellung, ein professionelles Deeskalationsmanagement, das sogenannte ProDeMa, wo man geschult wird im Deeskalieren, sowohl verbal als auch körperlich. Und da gibt es jedes Jahr ein Refreshing, das heißt, man ist schon in der Deeskalation recht fit.

Berührend – das ist tatsächlich häufig, wie schnell jemanden eine psychiatrische Erkrankung erreichen kann: Man denkt nichts Böses und von heute auf morgen passiert irgendwas, ein Schicksalsschlag oder ein Problem, das man hat, und man rutscht in eine psychiatrische Erkrankung. Sei es eine Depression, aber auch eine Psychose. Und schon ändert sich das Leben von Null auf Hundert. Da hatte ich tatsächlich viele Patienten, denen das so ergangen ist. Auch aus jeder Schicht -von Obdachlosen bis hin zu Millionären, die da echt sehr krank wurden.

Berührend fand ich tatsächlich ein Ereignis und zugleich auch ein bisschen gruselig. Da kann man manchmal auch die Drehbücher der Horrorfilme nachvollziehen. Und zwar war das ein Patient, ganz, ganz schlimme Geschichte, der hat sein Kind verloren. Also das Kind ist auf die Welt gekommen und dann gestorben. Und daraufhin ist er dann dekompensiert und zu uns gekommen. Wir sind die Nachbarstationen von einer anderen Station, wo es einen Glasgang gibt, den man recht gut einsehen kann. Und abends brennt dort natürlich das Licht. Dann kann man da gut reingucken, wenn es draußen dunkel ist. Der Patient hat lange Zeit immer nach diesem Ereignis erzählt, er würde die ganze Zeit einen hängenden Menschen in diesem Gang sehen. Daneben würde ein kleines Kind stehen. Also wirklich so Szenen aus einem Horrorfilm, muss man echt sagen. Ich habe mich lange mit ihm unterhalten und er hat immer gesagt: Herr Götz, ich weiß, das ist nicht echt, aber ich sehe, das dort. Und das war ein Moment, wo ich mir dachte:
ach du Schande. Das muss ganz schön schlimm sein. Ja.“


Robin Krüger:

„Du hast ja auch hier in der Uniklinik deine Ausbildung gemacht zum Krankenpfleger, wie ich natürlich auch, und du warst ein Jahr vor mir fertig, wenn ich mich recht entsinne. 2015 oder 2016 glaube ich. Du hast dich nach dem Examen direkt für die Psychiatrie entschieden. Also hat dich das damals in der Ausbildung so fasziniert, dass du dachtest, da möchte ich arbeiten, oder gab es andere Entscheidungen, die du getroffen hattest?“


Sebastian Götz:

„Wie gesagt, vor diesem Psychiatrie-Einsatz war ich erstmal ein bisschen skeptisch und sobald ich dann da war, hat mich das Thema einfach unglaublich interessiert. Also das psychiatrische, die wenigen tatsächlich wissenschaftlichen Erkenntnisse, die man tatsächlich hat. Die Psychiatrie ist ein recht junger Bereich der Medizin. Ich glaube, in den 70er Jahren war das erste Mal die Psychiatrie auf einem medizinischen Kongress vertreten. Wenn ich mich jetzt nicht irre. Ich bitte um Korrektur, wenn das falsch ist. Und ja, dieser Beziehungsaufbau. Ich bin generell recht gesellig. Ich mag die Gesellschaft, ich unterhalte mich gerne mit Leuten, ich lerne Leute kennen. Und es war zum einen unheimlich spannend, die Leute kennenzulernen, Beziehung aufzubauen. Ja, letztendlich, was mich dann aber zu der Entscheidung gebracht hat, war das Team. Das Team war und ist es heute noch so ein eingeschworener Haufen. Wir halten alle zusammen, egal was passiert. Die sind so eine Einheit und das hat mich unfassbar beeindruckt. Ich wurde super aufgenommen im Team und direkt integriert, obwohl ich – in Anführungsstrichen – nur Schüler war, mich also nur für eine zeitliche Begrenzung dort aufgehalten habe. Und das war eigentlich der entscheidende Punkt.“


Robin Krüger:

„Während deiner Ausbildung und auch nach dem Examen hast du noch studiert. Was hast du denn studiert und warum hast du das studiert. Erzähle uns einfach mal ein bisschen, was du darüber denkst, wie auch die Zukunft für akademisierte Pflegekräfte gerade hier in der Uniklinik aussehen könnte?“


Sebastian Götz:

„Gerne. Also ich habe Interprofessionellen Gesundheitsversorgung studiert. Ich war in der zweiten Kohorte, die diesen Studiengang studiert hat. Und was mich dazu gebracht hat. Naja, ganz ursprünglich wollte ich tatsächlich, man kennt das, die Ausbildung als Sprungbrett nehmen, um Medizin zu studieren. Das war mein festes Ziel. Ich habe eine Ausbildung angefangen in Bonn, wo ich aufgewachsen bin. Dann allerdings nach einem halben Jahr abgebrochen, um nach Heidelberg zu kommen. Tatsächlich, weil es hier dieses Studium gab neben der Ausbildung. Während der Ausbildung kam mir der Gedanke: nee, eigentlich willst du kein Medizin studieren, du willst eigentlich was für die Pflege tun, weil der Beruf einfach so toll ist. Und mein Ziel war dann, einen akademischen Abschluss zu erlangen, was neben der Ausbildung eine super Möglichkeit war. Und es war auch echt eine tolle Kombination, weil man durch das Studium so ein bisschen hinter den Stationsalltag blicken konnte. Das war wirklich sehr, sehr interessant. Und man hatte auch den wissenschaftlichen Aspekt. Ich denke, da liegt die Zukunft, das ist wichtig. Wir sollten uns in Europa umschauen, aber gerade auch in Amerika, wo der Pflegeberuf abnormal abgefeiert wird, und ich finde völlig zu recht. Wir machen das hier wahrscheinlich viel zu selten. Und ich denke, das ist ein wichtiger Schritt dahin gehend, die Pflege – das klingt immer so blöd – aber so auf eine Ebene, mit der mit der Medizin zu bringen, denn letztendlich sind beide Berufe essentiell für die Patientenversorgung und beide Berufe haben ihre Daseinsberechtigung auf Augenhöhe. Da denke ich spielt die Akademisierung schon eine große Rolle.“


Robin Krüger:

„Also ich habe das am Anfang ja schon angeteasert, du hast auch noch ein ganz spannendes Projekt, nämlich die Pflegestandards. Worum geht es denn in deinem Projekt?“


Sebastian Götz:

„Da fange ich kurz mal bei null an, wenn es euch nichts ausmacht. Und zwar war ich ein Jahr tatsächlich aus der Pflege mal raus, also aus der aktiven Pflege. Und habe in der Psychosomatik bei der Projektgruppe um Doktor Imad Maatouk, Oberarzt in der Psychosomatik, bei einem Projekt mitgearbeitet, das „Gesund altern im Pflegeberuf“ heißt. Und im Zuge dessen habe ich parallel noch beim Professor Nikendei, stellvertretender Chef von der Psychosomatik, bei einem Projekt mitgearbeitet. Und zwar ging es um die Heidelberger Medizinischen Standards und Prozeduren. Jeder von euch kennt wahrscheinlich diese kleinen roten Bücher, die auf jeder Station ausliegen oder die auch jeder Medizinstudent kostenlos zu Studienbeginn bekommt. Sie beinhalten sämtliche medizinische Prozeduren und Untersuchungen. Und das wie so ein kleiner Leitfaden, also Nachschlagewerk, wo stichwortartig mit wenig Fließtext, was wirklich sehr gut zu lesen ist, nachzuschlagen ist, welche Prozedur, wann zu machen sind, wann Kontraindikationen bestehen, was man machen muss, welche Materialien dazugehören. Und parallel zu diesem Buch gibt es Filme dazu auf einer Homepage, die man durch den Buch Code, der beigelegt ist anschauen kann. Und da habe ich bei dem Buch „Heidelberger Standardgespräche“ mitgearbeitet. Und ich habe mir so gedacht: Moment, warum hat die Pflege das nicht? Ich habe mir den Rücken krumm getragen mit meinem „Pflege heute“-Buch im Rucksack. Ich habe dann mit der Projektgruppe um Christoph Nickendei ein bisschen überlegt und ein Konzept erstellt. Und er hat mich dann letztendlich motiviert: Geh doch mal zu Herrn Reisch (Anmerkung der Redaktion: Pflegedirektor des Universitätsklinikums Heidelberg), frag doch mal was er davon hält. Ja, ich bin hingegangen, habe Herrn Reisch gefragt: wie siehts aus, darf ich das machen, krieg ich Ihre Unterstützung? Und natürlich auch die Gelder? Und Herr Reisch und auch Herr Eichstätter haben gesagt: klar, mach das, wir unterstützen dich. Du bist der Projektleiter. Damals habe ich die Frau König, noch an der Hand gehabt. Sie hat mir auch geholfen und mich unterstützt als das Projekt anlief. Ich möchte ein Nachschlagewerk oder ein kleines Beiwerk, was jeder Pflege-Azubi mit sich tragen kann, auf Station aber auch zuhause, entwerfen, wo man sämtliche Prozeduren, Untersuchungen, Handhabung, aber auch Theorien, Kommunikation ist ja auch ein wichtiges Thema bei uns in der Ausbildung, nachschlagen kann. Auf einen Blick kurz und prägnant, maximal auf zwei Seiten in stichwortartigem Layout. Plus dazu noch Videos auf einer Homepage. Und das Ganze umsonst. Das war mir halt besonders wichtig. Als Azubi an der Uniklinik verdient man nicht schlecht, aber es kann ja immer ein bisschen mehr sein. Man soll nicht noch extra Bücher kaufen müssen, um seinen Wissensstand zu erweitern. In diesem ersten Buch, was jetzt rauskommen soll, stehen wirklich nur die Basics. Also was erlebe ich in drei Jahren Ausbildung am Uniklinikum Heidelberg? Was gibt es für Standards, welche Untersuchungen sind so klassisch? Was muss ich wissen? Zum Beispiel Blutzucker messen, oder Verhaltensregeln: wie verhalte ich mich im OP? Was muss ich beachten? Händedesinfektion, ein klassisches Thema.“


Robin Krüger:

„Das heißt, es geht nicht nur um die psychiatrische Medizin, sondern es geht einfach generell um alles eigentlich alles was die Pflege-Azubis erwarten können?“


Sebastian Götz:

„Ganz genau. Da ist natürlich die Psychiatrie auch ein Teil davon. Aber tatsächlich in der Ausbildung eher noch ein kleinerer Teil, logisch. Aber ich habe auch mittlerweile genug Autoren aus meiner Klinik zusammen. Aber da man ja, wenn man länger in der Psychiatrie arbeitet oder generell auf einer Station, ein bisschen zum „Fachidioten“ wird und ich tatsächlich nur noch wenig Ahnung habe von der somatischen und chirurgischen Pflege. Zumindest weiß ich nicht, was da der Goldstandard ist, bin ich natürlich Hilfe angewiesen. Ich habe mittlerweile schon sehr großes Feedback bekommen aus der Pflege. Das muss man sagen. Es gibt sehr viele Leute, die Bock haben, da mit zu machen und mir auch schon Kapitel geschickt haben.“


Robin Krüger:

„Ein tolles Projekt, muss ich ganz ehrlich sagen. Das ist wirklich super und ich hoffe, dass es natürlich relativ zeitnah fertig wird, sodass man es auch wirklich unseren Auszubildenden und auch vielleicht neuen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen geben kann.“


Sebastian Götz:

„Ich hoffe es auch. Das Buch wird so oder so kommen. Ich kann leider den Zeitrahmen gerade nicht ganz abschätzen. Mein ursprüngliches Ziel war Ende 2022. Das wird man wahrscheinlich aber nicht halten können. Es gibt auf jeden Fall schon den ersten Film: die Händedesinfektion. Da bin ich als Schauspieler zu sehen, ja. (lacht)“


Robin Krüger:

„Viel, viel Erfolg auf jeden Fall.“


Sebastian Götz:

„Herzlichen Dank.“


Robin Krüger:

„So jetzt haben wir noch ein anderes Thema, und zwar, was dich so persönlich bei der Arbeit antreibt und auch wie du einen Ausgleich findest.“


Sebastian Götz:

„Was mich bei der Arbeit antreibt, ist natürlich zum einen das Fachgebiet. Ich studiere seit 2016 Psychologie im Fernstudium. Also ich versuche mich auch so ein bisschen weiterzubilden. Das treibt mich an. Dann zu 80 Prozent treibt mich mein Team an, was es mir echt nicht schwer macht, die Station zu leiten, weil es einfach ein super Team ist. Die Arbeit an sich macht mir Spaß. Gerade auch die Arbeit als Stationsleitung, wo man doch das Gefühl hat – also, du kennst es ja auch – was zu bewegen, was leisten zu können. Das fängt im Kleinen an, das fängt am Bett beim Patienten an. Das geht vom Stationskonzept weiter bis zum Klinikkonzept. Und ich denke, da können wir sehr dankbar sein, dass wir uns in der Position befinden, wirklich etwas aktiv tun können für den Pflegeberuf. Das ist tatsächlich das, was mich antreibt, und dieses Teamgefühl generell, das erlebt man im Pflegeberuf finde ich immer: mit vielen Berufsgruppen zusammenzuarbeiten.

Ausgleich zur Arbeit. meine Frau natürlich zum einen muss ich da nennen. Und meine Hündin. Nach einem stressigen Arbeitstag komme ich nach Hause, ich esse was, sag meiner Frau „Hallo“, die meistens noch am Schreibtisch sitzt bis abends und dann geht es mit dem Hund raus und das ist so mein erster Ausgleich. Und dann natürlich der Sport: ich mach Kickboxen oder Thaiboxen. Das ist einfach ein Sport, der zum einen natürlich körperlich anstrengend ist, aber zum anderen auch für eine unglaubliche Entlastung sorgt nach einer Trainingseinheit. Du sitzt dann, bist erstmal so glücklich, weil du einfach so kaputt bist. Fertig, aber auch ausgeglichen. Ich muss sagen, ich war nicht immer so ein ruhiger Typ, sag ich mal, dass kam tatsächlich eher hauptsächlich durch den Sport. Und der Kopf ist halt komplett frei, also ich spiele auch Fußball. Auch ein toller Sport, aber erfüllt mich jetzt nicht so wie der Kampfsport. Da ist echt diese Konzentration im Training, du vergisst alles um dich herum und achtest wirklich nur noch auf deinen Körper. Ja und jeder, der das Mal erleben möchte, kann gerne an meinem Fit im Klinikums Kurs teilnehmen. Hoffentlich ab Herbst auch wieder in Präsenz. Das ist eine Sache, die mir Spaß macht, den Leuten den Sport nahe zu bringen. Weil teilweise ist der immer noch ein bisschen verschrien: ja, da sind dann überall so tätowierte Menschen, wie ich, die sich prügeln und die Köpfe einschlagen. Es ist aber nicht so, als in meinen Augen tatsächlich der fairste Sport, den es gibt, der respektvollste Sport. Da wird sich nach dem Kampf in den Arm genommen.“


Robin Krüger:

„Jetzt kommen wir zu unserer allerletzten Frage und zwar, wo du die Pflege am Uniklinikum in den nächsten Jahren siehst?“


Sebastian Götz:

„Hier in Heidelberg in der Pflege machen wir schon mal einen großartigen Job, man sieht das ja jedes Jahr beim Pflegepreis oder auch neben dem Pflegepreis gibt es da permanent eigentlich tolle Projekte, tolle Innovationen, die aus dem Boden sprießen. Also ich denke, an Motivation und Engagement fehlt es der Pflege hier nicht. Klar, Pflegemangel ist ja immer in aller Munde und ein großes Thema. Ich denke, da können wir uns hier auch noch relativ glücklich schätzen. Ich glaube, wenn wir so weitermachen, sind wir auf einem guten Weg, die Pflege auch wirklich zu einer – Wir sind ja schon professionell – aber die Professionalität sag ich mal noch weiter zu optimieren, gerade auch mit der Akademisierung. Ich hoffe, dass da auch die Uniklinik weiter daran arbeitet und ja, auch Arbeitsplätze tatsächlich für studierte Pflegekräfte findet. Also, was ich mitbekomme, es werden ja auch immer mehr APNs (Advanced Practice Nurses) ausgebildet oder eingestellt. Eine wirklich tolle Arbeit. Viele, viele Pflegekräfte, die jetzt auch einen akademischen Abschluss haben und da jetzt auch der wissenschaftliche Aspekt kommt, der ja bisher eigentlich eher aus der Medizin bekannt war. Und ich denke, die Uniklinik, sieht was die Pflege angeht eher rosigen Zeiten gegenüber, gerade jetzt auch in Bezug auf den Plan eines Magnet-Krankenhauses. Ich denke, das wäre gerade für die Region auch ein riesen Statement und eine coole Sache, gerade auch für Heidelberg.“


Robin Krüger:

„Vielen, vielen Dank, es hat mir wirklich viel Spaß gemacht mit dir das Interview zu führen. Wenn ihr ansonsten noch weitere Informationen zur Uniklinik braucht findet ihr das auf www.wir-sind-intensiv.de

Und wenn euch das Format gefallen habt, dann abonniert uns doch bei Spotify und bei iTunes und verpasst keine weitere Folge!“