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Frau sein. Was bedeutet das im Beruf?

Interview mit Suna Seker

Praxisanleiterin und stellvertretende Gesamtleitung der Station 1-3 in der Neurologie des Universitätsklinikums Heidelberg (UKHD).
„Und falls jemand fragt, wie ich mich definiere dann sage ich:
Ich bin die muslimische, pfälzische Schwester Suna, mit türkischen Wurzeln, die sowohl sehr viel Wert auf Ihre berufliche Karriere als auch irgendwann eine Gründung der Familie legt.“

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Jung – erfolgreich – Pflegende!

„Hattest du schon immer das Ziel eine Leitungsposition auszuüben?"

Da ich in meinem letzten Schuljahr vor der entscheidenden Frage stand, ob ich die Zusage im Gymnasium (für mein Abitur), oder den Ausbildungsplatz als Gesundheits- und Krankenpflegerin annehme, bin ich mit mir selbst den Kompromiss eingegangen, die Ausbildung zu absolvieren und mich definitiv in meinem Beruf weiterzuentwickeln. Bis dato hatte ich noch keine konkrete Vorstellung. Der Wunsch eine Leitungsposition anzustreben kam, als ich nach meinem Examen bemerkte, dass es mir Spaß macht, Verantwortung zu übernehmen und zu organisieren. Zudem kam noch hinzu, dass ich sehr gerne Menschen im Pflegeberuf motivierte und mit meiner Leidenschaft zum Beruf viele Kollegen ansteckte. Dies förderte natürlich die Harmonie und die Freude am Beruf bei meinem Team.

„Was hat dich in den Pflegebereich geführt? Und was hat den Wunsch geweckt genau ans UKHD zu gehen?“

In die Pflege zu gehen war tatsächlich mein Kindheitstraum. Ich war schon als Kind/Jugendliche sehr daran interessiert, schwächeren Menschen zur Seite zu stehen, unabhängig davon in welcher Form. Der Gedanke, Menschen in einer schwierigen Lebensphase zu begleiten und sie zu unterstützen, gefiel mir sehr. Zudem verbrachte ich als Kind viel Zeit in Kliniken, aufgrund meiner Großeltern und meinem Bruder, der schon als Kleinkind viele Operationen hatte. Schon damals hatte ich großen Respekt gegenüber der Pflege, weil ich fasziniert davon war, wieviel Vertrauen man der Pflege entgegenbringen muss, um beruhigt seine Angehörigen in deren „Hände“ zu geben. Mir gefiel der Gedanke eines Tages einer von ihnen zu sein und zu verstehen, was sie eigentlich tun und wieviel Bedeutung dies eigentlich hat.

Für das UKHD entschied ich mich tatsächlich, weil das Klinikum bereits damals einen sehr guten Ruf in unserem Umkreis hatte und ich davon überzeugt war, dort die qualitativ beste Ausbildung zu bekommen. Die Größe der Klinik und die unfassbar vielen Fachbereiche bestärkten meinen Glauben. Zudem war das UKHD die einzige Klinik, die mir die Möglichkeit gab mit 16 Jahren die Ausbildung zu beginnen. Alle anderen Kliniken empfohlen mir zuerst ein FSJ zu absolvieren, da ich noch so jung war.

Ein persönlicher Vorteil lag auch darin, dass ich mein gewohntes Umfeld „verlassen“ wollte, um mich selbst zu finden/neu zu entdecken. Ich wuchs in einem kleinen Dorf in Rheinland-Pfalz auf. In einem Dorf zu wohnen bringt gewisse Nachteile mit sich, wie z. B. dass jeder jeden kennt, alles spricht sich rum. Allein diese Tatsachen führen dazu, dass man jegliche Handlungen bedacht und mit einer gewissen Vorsicht ausübt. Dass andere Menschen so viel Einfluss haben können, störte mich schon als Jugendliche sehr. Zudem kam hinzu, dass ich mir als Kind mit Migrationshintergrund sehr viele Gedanken gemacht habe, wer ich eigentlich bin oder wohin ich gehöre. Man kann es sich nicht vorstellen, aber schon in meiner Schulzeit fühlte ich mich oftmals „anders“. Sei es aufgrund meiner äußerlichen Erscheinung, meines Namens oder anderen Werten und Normen, die wir in meiner Familie auslebten. Ich hatte damals das Bedürfnis, aus meinem gewohnten Umfeld auszubrechen und meine eigene Reise zu beginnen. Meine Eltern unterstützten mich in dieser Hinsicht und ohne deren Vertrauen wäre das alles gar nicht möglich gewesen. Das ich unser Dorf verlassen werde, sprach sich sehr schnell rum und meine Eltern mussten sich Dinge anhören wie, „Wie könnt Ihr ein 16-jähriges Mädchen alleine in einer fremden Stadt leben lassen“; „Ich würde niemals meine Tochter in dem Alter alleine lassen, nicht das sie noch auf eine falsche Bahn kommt“. (Diese Aussagen kamen NICHT nur von Menschen aus meinem Kulturkreis!)

„Gibt es Hürden, die du als Frau in deinem Beruf wahrgenommen hast?“

Eine der Aussagen, die mich damals sehr ärgerten war: „Wie lange willst du noch Schule machen, am Ende hockst du doch eh Zuhause und betreust die Kinder“. Hinzu kommt noch, dass ich sehr oft in eine Schublade gesteckt wurde/werde, die auch irgendwann sehr anstrengend werden kann. Zum Beispiel, dass ich jetzt als „Karrierefrau“ definiert werde. Ich möchte weder als Hausfrau noch als Karrierefrau definiert werden, denn genauso wie es mir wichtig war/ist meine beruflichen Träume zu verwirklichen, ist es mir auch wichtig eines Tages eine Familie zu gründen. Ich möchte nicht vor der Entscheidung entweder/oder stehen, sondern eines Tages ein Beispiel dafür sein, das beides möglich ist.

Mein Rat wäre es, nie den glauben an sich selbst zu verlieren und sich nicht von anderen definieren zu lassen. Es wird immer Hürden im Leben geben, aber mein Motto war es immer zu sagen: „Was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker“.

„Wo lag deine persönliche Motivation/Energie, um so weit zu kommen?“

Also meine Motivation/Energie gab mir tatsächlich die Vorstellung, ein Beispiel für Frauen zu sein und meine Familie/Freunde die nie den glauben an mich verloren haben. Der Wechsel von der Psychiatrie in die Neurologie kam daher, dass ich auf der Suche nach neuen Herausforderungen war und zudem nach fünf Jahren Psychiatrie einen neuen Fachbereich kennenlernen wollte, sowohl als Krankenschwester, als auch als Führungskraft.

„Wie gehst du mit Herausforderungen um?“

Abgesehen von den Vorurteilen, mit denen ich konfrontiert wurde, war ich zu dem Zeitpunkt meiner beruflichen Weiterentwicklung mit mehreren Schicksalsschlägen konfrontiert, indem ich sowohl meine Oma, als auch eine Freundin verlor. Es ist nicht einfach alles unter einen Hut zu bekommen als junge Erwachsene und trotzdem seine Ziele zu verfolgen. Aber der Gedanke, wie mein Leben in paar Jahren aussehen könnte, gab mir die nötige Kraft. Jeder Mensch hat herausfordernde Zeiten im Leben, doch Aufgeben war nie eine Option für mich. Mir war jederzeit bewusst, dass nur ich mein Leben leben werde und nicht die Menschen, die darüber urteilen. Ich kann sehr stur sein, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe. Diese Eigenschaft habe ich tatsächlich von meinem Vater und die nötige Geduld hierfür von meiner Mama. Ich überzeuge Menschen gerne vom Gegenteil ihrer Vorurteile.

„Woher nimmst du deine Stärke als Führungsposition?“

Die Stärke meine Funktion auszuüben, bekomme ich vor allem von Frauen, die stolz auf mich und meinen persönlichen Weg sind und mich vielleicht als Vorbild sehen. Als muslimische Frau mit türkischen Wurzeln wird man ständig mit Klischees konfrontiert. Das ich eine von vielen Frauen bin, die das Gegenteil beweisen, macht mich persönlich stolz. Ich denke es geht nicht darum das Sagen zu haben oder sich durchzusetzen, sondern viel mehr um Kommunikation. Ich bevorzuge es über Dinge offen zu sprechen, denn das passiert leider immer noch viel zu selten. Es wird immer Entscheidungen geben, die ich umsetzen muss, die nicht jedem gefallen. Aber ich denke für den Gegenüber ist es einfacher damit umzugehen, wenn er die Hintergründe kennt. Zudem ist es wichtig einen ehrlichen und authentischen Umgang zu pflegen.

„Was rätst du jungen Frauen, die eine ähnliche Karriere wie du anstreben?​“

Ich rate jeder Frau nie den Glauben an sich selbst zu verlieren und zu akzeptieren, dass es immer Menschen geben wird, die eine andere Meinung haben. Jede Frau sollte sich selbst definieren und niemals von der Mehrheit definieren lassen. Am Ende des Tages zählt nicht das Geschlecht, Nationalität, Sexualität oder die Religion eines Menschen, sondern die guten Taten, die er sich selbst und anderen Menschen gibt.

Und falls jemand fragt, wie ich mich definiere dann sage ich: Ich bin die muslimische, pfälzische Schwester Suna, mit türkischen Wurzeln, die sowohl sehr viel Wert auf Ihre berufliche Karriere als auch irgendwann eine Gründung der Familie legt.